Ansprache an der Maturitätsfeier des Feusi-Gymnasiums
Junge Menschen wie Maturanden und Maturanden, die viel geleistet haben und noch viel leisten werden und Sportler haben sehr vieles gemeinsam.
Liebe Maturandinnen, liebe Maturanden
Liebe Familien und Angehörige der Feiernden
Liebe Sandra von May
Liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Gäste
Vielleicht haben Sie sich gefragt, warum ausgerechnet ich, heute zu Ihnen spreche.
Den genauen Grund kenne ich nicht.
Als Direktor des Bundesamtes für Sport bin ich auch verantwortlich für die eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen – eine Hochschule, wo Sie liebe Maturandinnen und Maturanden Sportwissenschaft studieren können.
Oder als Vater einer Tochter, die schon bald ins Sportgymnasium eintreten wird
Oder … last but not least:
Auch ich habe mein Rüstzeug für die Matura vor dreissig Jahren an dieser Schule geholt, damals noch an der Alpeneggstrasse – also auch ich habe hier gebüffelt, gelacht, gelitten, auch ich habe mich gefreut oder mich auch geärgert – kurz: Ich habe, liebe Maturandinnen, liebe Maturanden, mehr oder weniger das durchgemacht wie Sie – teilweise sogar mit den gleichen Lehrern.
Auch war ich, wie Sie jetzt, auch an so einer Feier. Und ich weiss noch, wie es damals für mich war. Ich hatte keine Lust auf lange Reden. Mein Kopf war voll mit Stoff. Mir war der Sinn nach anderem: Raus, mit Freunden in den Ausgang, Ferien.
Ich nehme nicht an, dass es Ihnen vollständig anders ergeht.
Es hat sich seither vieles verändert, Aber eines gilt für mich heute genauso wie damals:
Die besten Reden sind die kürzesten.
Ich werde das hier und heute nicht anders halten. In den folgenden Minuten möchte ich einige Parallelen ziehen zwischen Ihrer aktuellen Situation als Maturandin oder Maturand und der Welt des Sports.
Als aktiver Sportler und in meiner Funktion als «oberster» Sportförderer des Bundes, kenne ich diese Welt gut. Junge Menschen wie Sie, die viel geleistet haben und noch viel leisten werden und Sportler haben sehr vieles gemeinsam. Darauf möchte ich eingehen.
Liebe Eltern
Sie sind heute vermutlich ziemlich stolz auf Ihr Kind. Wäre es anders, müsste ich mich fragen, ob mit Ihnen etwas nicht stimmt.
Ihr Kind hat ein wichtiges Etappenziel erreicht. Ohne Ihre Unterstützung, liebe Eltern, wäre es für die Jungen schwierig geworden, diesen Erfolg zu erreichen. Grosses wurde angestrebt, Grosses wurde erreicht – das darf und das soll man feiern.
Auch haben Sie wohl Ihre Kinder massgeblich unterstützt. Das ist im Schweizer Sport nicht anders: Ohne die Unterstützung der Familie haben talentierte Nachwuchssportlerinnen und –sportler kleinere Erfolgsaussichten als solche, die voll auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen dürfen.
Doch nun, liebe Maturanden, Eltern, Lehrer und Gäste, taucht eine Frage auf. Eine Frage, die sich auch jedem Sportler stellt:
Er trainiert für ein Ziel, arbeitet hart, nimmt Opfer auf sich, tritt schliesslich zum Wettbewerb an – und schafft die Hürde. Wunderbar! Aber dann, spätestens dann, taucht diese Frage auf.
Was jetzt? Wie weiter?
Was jetzt: Einige von Ihnen werden sich diese Frage längst gestellt – und vielleicht schon beantwortet – haben. Andere sind noch nicht soweit.
Über was verfügen Sie heute? Sie haben eine sehr gute Basis gelegt, eine hervorragende Allgemeinbildung. Sie wissen wie ein Tsunami entsteht oder es ist Ihnen bekannt, dass Napoleon unserer Berner Regierung ganz gut getan hat. Auch wissen Sie hoffentlich, dass es sich bei Effi Briest nicht um eine deutsche Version von Amy Whinehouse handelt. Sie erkennen Zusammenhänge: Gesellschaftliche, ökonomische oder mathematische.
Kurz Ihr Wissens-Rucksack ist anständig gefüllt.
Sie haben sich – sportlich gesehen qualifiziert für die nächste Herausforderung – Sie steigen in eine höhere Liga oder Leistungsklasse auf oder Sie haben die Selektion für ein Leistungskader geschafft. Damit ist viel erreicht. Doch dieser Wert drohte an Gewicht zu verlieren, würde Sie sich jetzt nicht neue Ziele setzen.
Würde ein Sportler dies nicht tun, wäre dies gleichbedeutend mit Stillstand oder Rückschritt. Klar: Erfolge darf und soll man feiern, aber dann gilt es, weiter zu schauen.
Die Karten werden wo Sie sich befinden werden zudem neu gemischt. Die Noten sind - glücklicherweise - nur zweitrangig. Viel wichtiger ist, was Sie in Ihrer nächsten Tätigkeit erreichen werden.
Genau gleich wie die Sportlerin, die sich für ein Nationalkader selektioniert hat. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die sportliche Entwicklung für das internationale Nieau. Vieles beginnt von vorn. Etwas provokativ gesagt: Es heisst zwar nicht, zurück auf Feld 1 – aber es heisst: vorwärts auf Feld 1!
Was werden Sie in Zukunft tun?
Ich möchte gerne wissen, in welche Richtung jedes einzelne von euch weiter gehen will. Vielleicht legt jemand ein Zwischenjahr im Ausland ein, um eine Sprache zu lernen? Ein anderer will vielleicht ein paar Monate in einem Behindertenheim arbeiten, um nach der jahrelangen kopflastigen Arbeit ganz praktische Erfahrungen zu sammeln? Wieder andere haben sich bereits an der Uni eingeschrieben. Andere erfüllen die Dienstpflicht und rücken in die Armee ein. Oder geht jemand einfach mal auf Reisen?
Ich weiss es nicht, ich weiss nur eins: Es ist wichtig, dass Sie sich neue Ziele setzen.
Sie alle werden in eine neue Umgebung eintauchen. Neue Freunde finden, neue Positionskämpfe ausfechten. Erinnern Sie sich noch an den Beginn des Gymnaisums oder der Berufsmittelschule? An den ersten Tag? Als alles neu war? An dieses vorsichtige Herantasten an die neue Welt? Das Knüpfen erster Kontakte in der Klasse? An das Ausloten der Toleranzgrenze bei den Autoritäten? Das kommt wieder auf Sie zu, was auch immer Sie anstreben. Wie gut bin ich, wie gefüllt ist mein Rucksack? Habe ich überhaupt eine Chance? – bin ich fit genug?
Sie werden fokussieren müssen.
Erfolgreiche Sportler fokussieren ihre Ziele und leben dementsprechend.
Halbheiten haben je höher das sportliche Niveau desto weniger Platz.
Das werden Sie in der Zukunft vermehrt erfahren. Je höher Sie kommen – je wichtiger werden die Bewertungen oder Qualifikationen.
Je höher – je dünner wird die Luft.
Es wachsen die Anforderungen
Die Erwartungen steigen
Der Konkurrenzkampf wird härter
Wenn auch Sie sich spezialisieren, Sie werden viel von dem, was Sie gelernt haben, nicht mehr brauchen. Landen Sie eines Tages wie ich in der Juristerei, sind Sie wohl zum Beispiel nicht mehr zwingend darauf angewiesen zu wissen, was uns Kleist mit seinen endlosen Sätzen eigentlich sagen wollte. Natürlich dürfen Sie weiterhin Kleist lesen, aber Sie müssen nicht. Sie müssen auch nicht beweisen können, dass die Eulersche Zahl nichts mit Nachtvögeln zu tun hat. Aber – Sie haben vielleicht wie ich ein Erfolgserlebnis, wenn Sie nach 30 Jahren eine Formel herleiten können…
Sie können Ballast abwerfen, damit es Platz gibt für Neues, das Sie Ihrem ganz persönlichen Ziel näher bringt.
Liebe Maturandinnen und Maturanden
Auf diesem Weg kann man auch mal straucheln.
Es geht dem Leistungssportler wie dem zielorientierten Studenten: Der Weg wird zwar immer wieder gekrönt von schönen Zwischenerfolgen, die motivieren zum Weitermachen.
Doch zwischendurch kann es eine Niederlage absetzen.
Das ist keine Schande. Am besten, man sitzt dann hin und analysiert die Gründe. Sind die Fehler und deren Gründe erkannt, so muss daraus gelernt werden.
Die Leistungssportlerin hat vielleicht zu hart trainiert und ist in ein Übertraining gelaufen oder hat sich einen Ermüdungsbruch geholt.
Schlecht ist es nicht, Fehler zu machen, sondern die gleichen wiederholt zu machen.
Eminent wichtig ist für jeden Sportler, und auch für Sie, das Umfeld: Coach, Familie, Trainer, auch Freunde, können Erfahrungen einbringen, die dem Jungen noch fehlen. Das Umfeld kann Rückzugsoase sein, «Tankstelle», Klagemauer.
Ein gutes Umfeld kann auch mithelfen, rechtzeitig wichtige Hinweise auf falsches Verhalten, auf Gefahren und anderes mehr durchzugeben.
Nicht wahr, liebe Eltern?
Ich sage Ihnen, liebe zukünftige Ex-Feusianer:
Es lont sich.
Es lohnt sich, dran zu bleiben. Auf Sie wartet Arbeit, aber vor allem warten viele wunderbare Erlebnisse. Stellen Sie sich die Athletin vor, die nach hartem Training eine Selektion schafft und an einem Grosswettkampf teilnehmen darf: Allein der Einlauf ins Stadion ist ein unvergessliches Erlebnis. Was auch immer dann in diesem Stadion geschieht, ob die Sportlerin Erfolg hat oder ob es danebengeht: Sie wird daraus erneut lernen. Sie hat neue Erfahrungen gemacht.
Neue Erfahrungen sind immer bereichernd.
Sie machen Ihre Erfahrungen mit ganz wenigen Ausnahmen nicht in einem Stadion. Womöglich in einem Forschungslabor. In einer Schulstube. In einer Anwaltskanzlei, in einem Spital, einer Amtsstube oder woanders. Mal wird es toll sein, mal ernüchternd, mal motivierend, dann wieder Frust total. Bereichernd ist es immer.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Chance, die Sie sich erarbeitet haben, packen. Sie sind gut trainiert, Sie sind fit, Sie sind bereit – ja Sie sind reif – matur eben. Was Sie jetzt noch brauchen, das braucht auch jeder Sportler:
Mut
Ausdauer
Glück und eine Portion
Selbstvertrauen
Das wünsche ich Ihnen allen von ganzem Herzen.
