Adrian Rothenbühler: «Die Finalqualifikation von Mujinga war sehr emotional»
Mit Ajla Del Ponte (5.) und Mujinga Kambundji (6.) zwei Schweizerinnen in einem Olympia-Final über 100 m, der Paradedisziplin der Leichtathletik-Wettbewerbe. Mitten drin stand Adrian Rothenbühler, der zu 80% bei der Trainerbildung Schweiz am Bundesamt für Sport BASPO in Magglingen als Lehrgangsverantwortlichen Spezialisierung Kondition/Spezialisierung Langhantel-Training angestellt ist. Daneben betreut der «Trainer des Jahres 2019» unter anderen die beiden ST Bern-Athletinnen Mujinga Kambundji und ihre jüngere Schwester Ditaji, die U20-Europameisterin über 100 m Hürden. Wir hatten Gelegenheit Adrian Rothenbühler per E-Mail in Tokio ein paar Fragen zu stellen.
Adi, mit Mujinga hast du eine Athletin in den Olympiafinal über 100 m gebracht, dem Highlight der Frauenwettbewerbe, was ging da in dir vor?
Adrian Rothenbühler: Die Finalqualifikation war für mich sehr emotional, da ich noch nie so eng mit Mujinga zusammengearbeitet habe wie in dieser Saison. Für mich war es aber wichtig, diese Emotionalität nicht zu stark nach aussen zu zeigen, da Mujinga nicht das Gefühl haben sollte, dass die Reise schon zu Ende ist. Wir haben sofort vor allem über die Chancen im Final gesprochen. Für mich war klar, insbesondere nach dem Aufwärmen, dass sie so richtig schnell laufen könnte. Leider war dann der Final technisch zu schlecht, um das ganze Leistungsvermögen abzurufen.
Bist du überrascht, dass sich Mujinga so hat steigern können seit der WM-Bronze über 200 m 2019, sie hatte nicht eine ungestörte Vorbereitung, Fussbruch Anfang Dez. 2020, keine Hallensaison, relativ später Saisonstart?
Überraschend war eher die Steigerung damals zur WM 2019 in Doha 2019. Nach dem Fussbruch konnten wir sehr fokussiert arbeiten. Eventuell löste genau diese Verletzung auch eine «Jetzt erst recht»-Haltung bei Mujinga aus. Dazu kommt, dass sie eine Ausnahmeerscheinung ist und auf Trainingsreize sehr schnell mit Adaptionen reagiert.
Wie sieht deine Arbeit mit Mujinga aus, du bist ja nicht der einzige Trainer?
Nach der WM in Doha hat sich Mujinga entschieden ihren Trainingsmittelpunkt wieder nach Bern zu verlegen. Seit diesem Zeitpunkt bin ich hauptsächlich für die Planung und die Trainingsgestaltung verantwortlich, wobei dies immer eine Diskussion zwischen ihr und mir ist. Im Herbst haben wir für die Beschleunigung eine Zusammenarbeit mit Patrick Saile, Nationaltrainer 100m/200m, begonnen. Hier steht vor allem die Beschleunigung im Zentrum. Wann immer nötig, holen wir auch weiter Experten ins Boot, um unsere Arbeit auch besser reflektieren zu können.
An was hast du als Krafttrainingsexperte mit ihr speziell gefeilt?
Ich habe nach dem Fussbruch meinen «velocity based», den geschwindigkeitsbasierten Ansatz im Training weiterentwickelt. Durch meine häufigere Präsenz im Training und die ständigen Messungen wurde ich gerade in der Entwicklung der Laststufen viel präziser. So haben wir auch erkennen können in welche Bereiche Mujinga tatsächlich vorstossen kann. (Anmerkung: Dazu gibt es auch zwei Blogbeiträge von mir auf mobilesport.ch)
In der NZZ hast du die guten Eigenschaften von Mujinga und ihrer jüngeren Schwester Ditaji bezüglich der Muskelfasern angesprochen und erklärt, was hat es da an sich, was ist die spezifische Herausforderung für dich als Trainer?
Das «Normale» funktioniert nicht. Man muss viel situativer entscheiden, welche Trainingsinhalte möglich sind und welche keinen Sinn machen. Weniger ist definitiv mehr und gerade dieser Mut zur Lücke ist schwieriger zu planen und umzusetzen. Im Falle von Ditaji kommt dazu, dass sie erst 19 Jahre alt ist, und es gilt sie langfristig zu entwickeln. Dies ist nicht ganz einfach, da auf der Seite der Physis schon unglaublich viel vorhanden ist. Dieses Potential durch Training abzusichern und nicht zu verringern, das wird die grosse Kunst sein.
Wie sieht der Trainingsalltag in der Schweiz mit den Kambundji-Schwestern aus?
Mujinga und Ditaji trainieren nur 5 bis 6x pro Woche. Mujinga ist Vollprofi und legt ihre Trainingszeiten immer etwa auf 11 Uhr. Bei ihr kommen häufig noch Abstimmungen mit dem Management dazu, da sie doch sehr viele aussersportliche Verpflichtungen hat. Ditaji besucht die Sportklasse am Gymnasium Neufeld. Somit gibt der Stundenplan ihre Trainingszeiten vor. Sie kommt im Winter 2x pro Woche nach Magglingen, was für mich eine organisatorische Erleichterung darstellt.
…und wie sieht er jetzt in Tokio aus?
Wir sind eine Woche vor dem Start ins Pre-Camp nach Tsukuba angereist. Mein Ziel war es, hier in Japan nur noch den Feinschliff machen zu müssen. Dies bedeutet sehr kurze Einheiten, aber mit hoher Intensität. Nach dem Verschieben ins Olympic Village standen keine Trainings mehr auf dem Programm. Mujinga hat nun praktisch täglich einen Wettkampfeinsatz und Ditaji soll Zeit haben die Olympischen Spiele aufsaugen zu können.
Zu deiner Tätigkeit am BASPO und im Leistungszentrum Bern-Wankdorf: wie bringst du das alles unter einen Hut?
Hier braucht es eine Klärung. Ich bin 80% am BASPO angestellt. Meine Traineraktivitäten sind momentan noch mein «Hobby». Hier muss ich ehrlich sagen, dass die Situation mit dem Homeoffice einen grossen Anteil an der Finalqualifikation von Mujinga hatte. Ich hatte mit der Hauswartschaft im Stadion Wankdorf ein Agreement und konnte ein Besprechungszimmer als mein Büro nutzen. So konnte ich praktisch in allen Trainings von Mujinga und Ditaji anwesend sein. Bei einer normalen Arbeitssituation wäre dies so kaum möglich gewesen.
Du betreust ja noch andere Leichtathleten, und mit Mathias Flückiger seit 2 Jahren den aktuell besten Schweizer Mountainbiker, der Olympia-Silber gewann. Gibt es da Synergien?
Die Zusammenarbeit mit Mathias ist etwas anders. In einem ersten Schritt haben wir sehr intensiv zusammenarbeitet, damit ich ihm aufzeigen konnte, in welche Richtung sich sein Krafttraining entwickeln könnte. Da ging es auch darum, meine Vorstellungen über Mountainbike mit der Realität oder seinen Empfindungen abzugleichen. In einer zweiten Phase wurde ich etwas mehr zum Berater, so dass er meine Vorschläge selbst optimal auf seine Bedürfnisse abstimmen konnte.
Der Mountainbike-Parcours in Tokio war speziell. Gab es da am BASPO quasi eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Ausdauer-Physiologen, die ja mit den Mountainbikern spezielle Intervalle trainiert haben für die knackigen Aufstiege mit nur kurzen Erholungsphasen?
Nein, diese Zusammenarbeit gab es nicht. Zu Beginn habe ich mich bei Beat Müller schlau gemacht. Hier interessierte mich aber vor allem was Mathias für eine Persönlichkeit ist. Zurück zu deinem „Kerngeschäft“ als Trainer? Was traust du Mujinga über 200 m zu? Naja…meine Kerngeschäft ist ja nur hier vor Ort Trainer. Sie hatte in keinem der drei 100-m-Läufe den perfekten Lauf. Insbesondere verlor sie im zweiten Teil immer wieder die Position und sie konnte die Beinamplitude nicht vor dem Körper produzieren. Dies wird im 200-m-Lauf entscheidend sein. Zudem werden der 200-m-Vorlauf und der Halbfinal am gleichen Tag sein, was für sie energetisch nicht ganz einfach wird. Die Zielsetzung ist auch hier die Finalqualifikation…und sie sagt ja immer…dann ist alles möglich.
Adi, besten Dank für das Gespräch!
Interview: Kurt Henauer
Bundesamt für Sport BASPO
Hauptstrasse 247
2532 Magglingen

