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WM-Serie, Teil 6: Neue Technologien im Fussball

22 Spieler und ein Ball reichen heute nicht mehr. In Russland werden auch technische Hilfsmittel eingesetzt. Martin Rumo, Leiter der EHSM-Fachstelle Sporttechnologie, klärt auf.

10.07.2018 | Kommunikation BASPO, Christa Grötzinger

Philipp Seidenschwarz.

Technologien: Der Fussball entwickelt sich weiter.

 

Martin, was macht Dir am meisten Spass an der Fussball-WM in Russland?
Ich liebe es, die Spiele mit meinen Söhnen zu schauen und zu «analysieren». Dabei erkenne ich auch Inhalte wieder, die ich in Gesprächen mit Trainern und Coaches über taktische Periodisierung gelernt habe und die einzelnen Mittel, die in verschiedenen Spielsituationen eingesetzt werden können. Der moderne Fussball auf diesem Niveau ist extrem gut organisiert und Tore können fast nur noch bei groben Fehlern erzielt werden.

Während der Fussball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland kommen neue Technologien zum Einsatz. Welche genau?
Es werden zwei Technologien eingesetzt, um das Spiel fairer zu machen. Neben dem Torlinien-Videobeweis wird den Schiedsrichtern neuerdings erlaubt, auf Informationen ihrer Assistenten im Moscow Broadcast Center zurückzugreifen, um ihre Entscheidungen breiter abzustützen.  Die FIFA experimentiert aber auch mit einer neuen Dienstleistung für die Teilnehmer. Die Teams haben mit Tablets ausgerüstete Datenspezialisten, die sich während des Spiels im Stadion aufhalten und fortlaufend Videomaterial und Daten analysieren, die sie an Spezialisten auf der Trainerbank weitergeben.

Verfügen alle Teams über solche Spezialisten?
Den Mannschaften werden je drei Tablets verteilt, wobei eines davon jeweils an den Medical Staff geht. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass alle Mannschaften über einen genügend grossen Staff verfügen. Ob sie dann auch entsprechende Spezialisten dafür haben, und ob die Tablets überhaupt zum Einsatz kommen, ist schwierig zu beurteilen. Unser EHSM-Kollege Markus Tschopp war mit der Nati in Russland und kann das besser beurteilen. Ich vermute aber, dass im Fussball objektive Statistiken noch nicht in dem Masse gebraucht werden.

Woran liegt das?
Ich denke, dass das noch etwas Zeit braucht. Was man tatsächlich messen kann, und was für den Trainer relevant ist, ist nicht immer deckungsgleich. Was kann man beispielsweise über die Spielleistung aussagen, wenn ein Spieler fünf Kilometer in 90 Minuten zurücklegt? Was heisst es, wenn er 150 Pässe gespielt hat? Oder ist in Zeiten, in denen der Verlierer oft gar mehr am Ball ist, der Anteil am Ballbesitz wirklich so entscheidend?

Welche Technologien setzt die Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen bereits ein? Wir konnten mit dem Local Positioning Measurement System (LPMS) bereits recht früh mit Positionsdaten arbeiten. So haben wir im Rahmen der Dissertation von Karin Fischer eine Methode entwickelt, die die physische Belastung für Spieler besser misst als alles zuvor. Mit dem Stream-Team-Projekt gehen wir jetzt taktische Muster an. In diesem Projekt gehen wir eben auch schwierig messbare Konzepte wie «Ballkontrolle» und «Druck auf den Ball» an. (siehe Film) Aber inzwischen ist diese Technologie auch etwas in die Jahre gekommen. Wir arbeiten immer öfters mit einem GPS-System und haben auch selber im Rahmen eines KTI-Projekts ein Positionierungssystem entwickelt sowie eine Lösung, um individuelle Ballkontakte zu tracken.

Mit welchen technologischen Trends ist im Fussball in Zukunft zu rechnen?
Ich gehe davon aus, dass es sehr einfache Tracking-Lösungen geben wird, die sogar den Ball tracken können. Diese Daten sind momentan kaum in guter Qualität zu haben. In Zukunft wird das aber so normal sein, wie ein Spiel per Video aufzunehmen. Es wird Computerprogramme geben, die anhand von Sensordaten auch komplexere Muster erkennen und «verstehen», was auf dem Spielfeld passiert. Ausserdem wird man viele Spiele von einer Maschine «analysieren» lassen: https://dbis.dmi.unibas.ch/research/projects/streamTeam/.

Unser Kollege Philipp Seidenschwarz arbeitet bereits jetzt an Benutzeroberflächen, über die der Trainer sehr intuitiv mit den komplexen Daten interagieren kann: https://dbis.dmi.unibas.ch/research/projects/sportsense-1/ .

Persönlich

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Martin Rumo, Mitarbeiter BASPO Foto: BASPO / Ueli Känzig

Alter: 44
Wohnort: Fribourg
Aufgewachsen: Fribourg
Familie: Zwei Kinder (Loic und Liam)
Hobbys: Lesen / Kochen
In Magglingen seit: 2006