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MitteilungVeröffentlicht am 4. Februar 2022

Mit Daten gegen Kälte und Jetlag

Am 5. Februar starten die Wettkämpfe in den nordischen Disziplinen. Bei der Wettkampfvorbereitung hilft den Athletinnen und Athleten ein Factsheet, welches im Rahmen eines Projekts für die Olympiavorbereitung entstand und dessen Inhalt und Folgerungen auf einem Plakat im Nordic Pavillon in Magglingen dargestellt ist.

Athletinnen und Athleten, die an den Olympischen Spielen teilnehmen, haben jahrelanges Training hinter sich. Damit sie an den Spielen in Peking ihr volles Leistungspotenzial abrufen können, braucht es aber weit mehr als einen guten Trainingsplan. Der Umgang mit der Kälte und dem Jetlag ist eine grosse Herausforderung auf dem Weg zum Spitzenresultat an den bevorstehenden Wettkämpfen in China. Nicht zu vergessen die möglicherweise ungewohnte Ernährung, die im Gastland auf dem Speiseplan steht.

Mit der Wärmebildkamera zum idealen Outfit

Welche Stolpersteine den Athletinnen und Athleten an den Olympischen Spielen begegnen könnten, hat sich Swiss Ski schon früh überlegt. Für die Disziplinen Langlauf und Biathlon haben Elias Bucher und Thomas Steiner, beide wissenschaftliche Mitarbeiter des Bereichs Sportphysiologie Ausdauer des Ressort Leistungssport beim BASPO, zusammen mit Swiss-Ski und Swiss Olympic ein Projekt auf die Beine gestellt, um herauszufinden, was es in China bei diesen besonderen Bedingungen braucht.

Auf einem Plakat haben sie die wichtigsten Hindernisse wie die Kälte und den möglichen Umgang damit festgehalten. Das Plakat hängt derzeit neben der Eingangstür des Nordic Pavillons in Magglingen, zusätzlich können es die Langläuferinnen und Biathleten mit einem QR-Code jederzeit abrufen. 

Neugierig? Mit dem QR-Code gelangen Sie zum Factsheet:

Auch Simon Trachsel von der Physiotherapie, sowie die beiden Sportmediziner vom Skiverband, Patrik Noack und Hanspeter Betschart, haben am Projekt mitgearbeitet. Beide sind derzeit in Peking, wo am 5. Februar die ersten Wettkämpfe in den nordischen Disziplinen starten: Der Skiathlon über 15 Kilometer der Männer im Langlauf und die Mixed Staffel über 4 x 6 Kilometer im Biathlon. Im Videogespräch aus der Region Zhangjiakou, wo das Langlauf- und Biathloncenter untergebracht ist, bestätigen Noack und Betschart: Es ist bitterkalt vor Ort. «Es ist leicht kälter als im Engadin, wo die Athletinnen und Athleten in diesem Winter trainiert haben. Dazu kommt aber der Wind: Der ist hier viel garstiger», sagt Noack. 

Sie seien deshalb Ende Januar angereist, um sich einige Tage an die Kälte und den Wind gewöhnen zu können. Ausserdem können sie so testen, wie gut sie mit der im Vorfeld ausgewählten Kleidung zurechtkommen. «Viele Athletinnen und Athleten wissen genau, was sie bei normalen Trainings- und Wettkampfbedingungen tragen müssen. Sie haben Ihre Lieblingswäsche, die bei 85 Prozent der Wettkämpfe funktioniert. Hier ist das aber nicht der Fall», erklärt Noack.

Das Team der Sportphysiologie unterstützte die Sportlerinnen und Sportler des Biathlonkaders mit Feldtests und Wärmebildaufnahmen in Idre Fjäll (SWE), um die richtigen Outfits für die besonderen Bedingungen in China zu finden. Die Bilder zeigten, wo noch zu viel Wärme verloren geht und noch eine Kleidungsschicht notwendig ist. Einfach ging das bei der Unterwäsche, komplizierter wurde es bei den äusseren Schichten; dort bestimmen auch die Sponsoren, was getragen werden kann.

Die eigene Brotbackmaschine im Gepäck

Auch im Bereich der Ernährung hat es sich gelohnt, gut vorbereitet nach China zu reisen. «Im Vorfeld können wir beim IOC jeweils unsere Wünsche eingeben, aber wir merken jeweils erst vor Ort, wie gut das Essen wirklich ist», sagt Noack. In Zhangjiakou sei das Angebot an glutenfreien Nahrungsmitteln noch klein, auch Obst und Gemüse gebe es noch wenig.

Ebenfalls bescheidensei die Brotauswahl, gerade für diejenigen, die kein Weiss- oder Toastbrot essen möchten. Einige Athletinnen und Athleten hätten deshalb extra Brot mitgenommen. «Und wir haben auch ein Brotbackmaschine mitgenomment, um frisches Brot backen zu können», so Noack

Die Schutzmassnahmen rund um die Covid-19-Pandemie sind im Langlauf- und Biathloncenter ebenfalls streng. Alle seien sich bewusst gewesen, dass die Schutzmassnahmen im Gastland streng werden, erzählt Noack. Gerade für Ausdauerathletinnen und Ausdauerathleten sei das aber ungewöhnlich. «Die Ausdauersportlerinnen und -sportler wollen joggen, um sich auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Das ist hier nur beschränkt möglich, weil das Olympische Dorf nicht verlassen werden darf». Also trainieren sie auf dem Laufband oder drehen kleine Runden in der Olympia-Bubble, «obwohl sich die Hügel rund um das Dorf hervorragend für Trailrunning eignen würden». 

Wie Kälte sich auf die Leistung auswirkt

Elias Bucher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bereichs Sportphysiologie Ausdauer im Ressort Leistungssport des BASPO. Im Gespräch erzählt er, wie sich Kälte auf die körperliche Leistungsfähigkeit auswirkt und wieso er und Thomas Steiner bis nach Schweden reisten, um bei der Wahl des perfekten Wettkampfoutfits zu helfen

Um die optimale Kleidung für die Athletinnen und Athleten zu finden, wurden unter anderem in Schweden Tests durchgeführt. Wieso war die Reise nötig?

Die Messungen zur Thermoregulation mit dem Schweizer Biathlon-Nationalkader in Idre (SWE) waren Teil eines Massnahmenpakets zur Vorbereitung auf die herausfordernden Bedingungen in Peking, welches in Kooperation mit Swiss-Ski und Swiss Olympic initiiert wurde. Die Athletinnen und Athleten absolvierte im Frühjahr 2021 bereits Lungenfunktionstests zur Diagnose und Prävention von Belastungsasthma bei kalten und trockenen Bedingungen. Das Ziel der Feldmessungen während des finalen Saisonvorbereitungscamps in Schweden war es, die Athletinnen und Athleten sowie die Coaches hinsichtlich geeigneter Bekleidungs- und Warmupstrategien im Wettkampfkontext zu sensibilisieren. Dies geschieht am Besten im Umfeld des Teams und im konkreten Wettkampfsetting.

Wie wirkt sich Kälte auf die sportliche Leistung aus?

Der negative Einfluss der Umgebungstemperatur auf die Ausdauerleistungsfähigkeit ist sowohl bei heissen, wie auch sehr kalten Bedingungen zu beobachten. In Bezug auf die Kälte sind zwei physiologische Mechanismen zu beobachten. Einerseits werden die Atemwege insbesondere im Skilanglauf durch die kalte und trockene Luft stärker gefordert, da grosse Luftvolumina innert kürzester Zeit erwärmt und befeuchtet werden müssen. Dies führt bei hohen Intensitäten zu einem stärkeren Wasser- und Energieverlust und bei sehr tiefen Minustemperaturen in einigen Fällen zu Atembeschwerden. Andererseits führen kalte Umgebungstemperaturen beim Sport zu einem verminderten Blutfluss zu den peripheren Muskelgruppen, bedingt durch die Verengung der Blutgefässe (Vasokonstriktion). Diese Abkühlung der Muskeltemperatur führt wiederum zu einer verminderten Sauerstoffverfügbarkeit in der arbeitenden Muskulatur und entsprechend zur erhöhten Beanspruchung des anaeroben Stoffwechsels. Gleichzeitig führt die Vasokonstriktion rasch zur Absenkung der Temperatur in Händen und Füssen, mit negativen Folgen für das Berührungsempfinden und die Fingerfertigkeit mit Implikationen für die Schiessleistung.

Wie müssen Athletinnen und Athleten ihr Ess- oder Schlafverhalten anpassen, wenn es kälter ist als gewohnt?

Beim Essverhalten ist vor allem darauf zu achten, dass man als Athletin oder Athlet bei längerem Aufenthalt in kalten Regionen die Energie- und Flüssigkeitsbilanz im Auge behält. Dies deswegen, weil der Energie- und Feuchtigkeitsverlust während der sportlichen Aktivität stärker ausfällt und der Körper in der Regel auch abseits der Loipe mehr Energie für die Aufrechterhaltung der Körperkerntemperatur aufwenden muss. Diese Herausforderung kann mit einer konkreten Verpflegungsstrategie für Training und Wettkampf während dieser Phase adressiert werden, z.B. mit zusätzlichen kohlenhydrathaltigen Getränken und Snacks. Betreffend Schlafverhalten sind mir keine konkreten Handlungsanweisungen bekannt, wobei dem potentiell höheren Erholungsbedarf nach körperlicher Belastung in der Kälte Rechnung getragen werden sollte.

Wie hoch ist die ideale Körpertemperatur für sportliche Leistungen?

Bei der Beurteilung der idealen Körpertemperatur für sportliche Leistung muss zwischen Körperkerntemperatur, Temperatur in der Muskulatur in den Extremitäten, sowie der Umgebungstemperatur unterschieden werden. Während bereits geringe Abweichungen von 1 - 2°C der Körperkerntemperatur (~36.6°C im Normalzustand) zu einer stark reduzierten Leistungsfähigkeit führen können, so besitzen wir betreffend Temperaturschwankungen im Muskel- und Hautgewebe eine etwas grössere Toleranz. Betreffend Umgebungstemperatur und Effekt auf die Ausdauerleistung sind dann sogar deutlich tiefere Temperaturen im Bereich 7 – 13°C optimal. In Bezug auf Kälte und Biathlon ist wie bereits erwähnt die Fingerfertigkeit und taktile Wahrnehmung relevant, welche bei einer Hauttemperatur <15 °C stark abnimmt. Für die optimale Thermoregulation sollte also die Bekleidung vor und während dem Wettkampf den Umgebungsbedingungen entsprechend angepasst werden, sodass einerseits eine starke Abkühlung der arbeitenden Muskulatur verhindert und andererseits ein Hitzestau mit starkem Schwitzen vermieden wird.

Bundesamt für Sport BASPO

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