Patricia Merz: «Mir wurde bewusst, dass wir mit unseren Leistungen die Leute inspirieren»
Zusammen mit ihrer Bootspartnerin Frédérique Rol (Lausanne Sports Section Aviron) gewann die EHSM-Studentin Patricia Merz, die dem Seeclub-Zug angehört, an den olympischen Ruderwettbewerben in Tokio den B-Final (Ränge 7-12) im Leichtgewichts-Doppelzweier. Dieses Olympia-Diplom ist nach zwei EM-Bronzemedaillen (2018 und 2019) für die beiden der grösste internationale Erfolg. Wir haben die 28-jährige Patricia Merz beim Lernen für die Prüfungen zum Master Spitzensport «gestört» und ihr ein paar Fragen gestellt.
Patricia, zuerst einmal herzliche Gratulation zum Sieg im B-Final, zum 7. Rang und damit einem Olympia-Diplom in Tokio. Was nimmst du von Tokio, den Spielen aber auch dem Vorbereitungs-Camp für die Zukunft mit?
Patricia: Der Sieg im B-Final war für uns ein guter Abschluss. Im Halbfinal sind wir ein gutes Rennen, gefahren, aber die anderen Boote waren doch deutlich besser. Für mich war es so, wie ich es mir vorgestellt habe. Alle waren für diesen Top-Event bereit, wir und alle Konkurrentinnen waren auf dem besten Niveau. Aber es kommt bei Olympischen Spielen nicht nur auf die sportliche Höchstleistung an. Nach den Rennen trafen wir uns im Olympischen Dorf beim Mittag- und Nachtessen. Wir begegneten einander mit Respekt. Im Vorbereitungscamp in Japan wurden wir behandelt, wie wenn wir die Grössten der Welt wären. Da wurde mir bewusst, dass wir mit unseren Leistungen die Leute inspirieren, dass wir für sie Vorbilder sind. Mit dem was ich mache, habe ich anderen Freude bereitet.
Du bist EHSM-Studentin. Rudern ist ein sehr trainingsaufwändiger Sport. Wie geht das, Sport und Studium in Magglingen unter einen Hut zu bringen?
Patricia: Im Herbstsemester 2020 war ich wenig abwesend. Neben dem Training habe ich geschaut, dass ich im Studium immer up to date bin. Da war die Corona-Situation für mich speziell günstig, weil die Vorlesungen virtuell durchgeführt wurden. Aber es braucht schon Disziplin, um dran zu bleiben. Im Frühjahrssemester habe ich dann für die EHSM keine Energie gebraucht und für das Studium nichts gemacht. Ich hatte von der EHMS-Leitung her die Möglichkeit, die Prüfungen auf die Zeit nach den Olympischen Spielen zu verlegen, statt diese wie meine Mit-Studierenden im Juni/Juli abzulegen. Die Devise im Hinblick auf Olympia lautete für mich im Studium: ‘soviel machen wie möglich, aber die sportliche Leistung soll nicht darunter leiden‘.
Sind die Voraussetzungen an der EHSM, um Studium und Sport zu vereinen, optimal? Oder siehst du da Verbesserungspotenzial?
Patricia: Bis jetzt gab es für mich in meinem Master-Studienlehrgang an der EHSM, den ich in vier statt in zwei Jahren absolviere, für alles eine Lösung. Es gab nie ein Feedback à la ‘du musst kommen’, wenn ich mit einem Anliegen kam. Je früher ich jeweils fragte, desto besser war es. Sowohl beim vorherigen Lehrgangsleiter Andi Schneider als auch jetzt bei Fabian Lüthy stiess ich immer auf offene Ohren. Dabei waren die Umstände noch speziell, denn bis zur Olympia-Qualifikations-Regatta im Mai auf dem Rotsee wusste ich gar nicht, ob ich mich überhaupt für Tokio qualifiziere. Es ging also in Magglingen für mich immer so, dass es passte. Dies ganz im Gegensatz zur Universität Basel, wo ich den Bachelor abgelegt habe. Dort hatte ich keine Ansprechperson, die verstanden meine Anliegen als Spitzensportlerin weniger, das war im Vergleich zur EHSM ein Riesenunterschied.
Du absolvierst den Master Spitzensport. Wie weit bist du, kannst du vom Studium für das Rudern profitieren?
Patricia: Im September habe ich jetzt die letzten Prüfungen. Im nächsten Jahr stehen das Praktikum und die Masterarbeit auf dem Programm. Im Spitzensport habe ich hinsichtlich der sportlichen Leistung mehr gelernt, als nachher im Studium. Das hingegen hat mir aber gezeigt, dass es eben nicht nur um die sportliche Leistung geht. Der Master hat mir Türen geöffnet, mir andere Sachen gezeigt, wie zum Beispiel, um was es bei der Ernährung geht, was im mentalen Bereich möglich ist und vieles mehr. So habe ich anders planen können. Viele lehrmässige Sachen im Sport sehen bei uns im Rudern anders aus als im Lehrbuch. Wir trainieren sehr viel, aber ich frage mich nun, ob es besser wäre, mehr auf den Körper zu hören, dass also manchmal vielleicht weniger mehr wäre. Zum Beispiel, wenn man verletzt ist, sind wir Ruderer schnell der Meinung, dass man es doch probieren solle, statt eine Pause zu machen. Ich schaue dank dem Studium mehr hin. Man bekommt ein Gefühl dafür, was man besser machen kann. Man bekommt einen anderen Blickwinkel. Auch im Austausch mit anderen Studierenden aus allen verschiedenen Sportarten habe ich etwas gelernt. Plötzlich sagt man: ‘halt, das macht keinen Sinn.’
Wie sieht deine sportliche Zukunft aus? Fährt der Leichtgewichts-Doppelzweier Patricia Merz/Frédérique Rol bis zu den Olympischen Spielen 2024 weiter?
Patricia: Für uns war immer klar, dass wir uns nicht vor den Olympischen Spielen entscheiden werden. Unser Projekt ging bis zum letzten Rennen in Tokio. Es war ja so, dass man den leichten Doppelzweier der Frauen im Hinblick auf Paris 2024 aus dem Olympia-Programm nehmen wollte, jetzt bleibt diese Bootsklasse aber drin. Gerade jetzt habe ich unglaubliche Emotionen und auch Lust im Rudern noch etwas herauszuholen. Das ist für mich keine Überraschung, dass ich noch will. Jetzt will ich aber zuerst das Studium abschliessen, nehme im Rudern eine Pause und entscheide später. Wichtig ist für mich auch, was Frédérique macht, schliesslich waren wir jetzt zehn Jahre für dieses Projekt zusammen.
Patricia, besten Dank für das Gespräch und schon jetzt viel Glück bei den Prüfungen.
Interview: Kurt Henauer
- Master of Science in Sports mit Ausrichtung in Spitzensport
Bundesamt für Sport BASPO
Hauptstrasse 247
2532 Magglingen


