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MitteilungVeröffentlicht am 20. Oktober 2022

«Von der Schweiz habe ich immer geträumt»

Seit Anfang März wohnen und leben ukrainische Nachwuchs-Rad-, Bahn- und Mountainbike-Rennfahrerinnen und Rennfahrer am Bundesamt für Sport BASPO in Magglingen. Die rund zwei Dutzend Nachwuchs-Sportlerinnen und -Sportler sowie eine Trainerin mit zwei Mädchen wohnen und leben nach ihrer Flucht vor dem Krieg aus der Ukraine und dem Transport in die Schweiz durch Swiss Cycling, im Grand Hôtel. Mit einer Nachwuchsfahrerin und der Trainerin haben wir uns am ersten Rennabend dieser Saison im Tissot Velodrome in Grenchen unterhalten.

Ukrainer/innen in Magglingen Gruppe quer - Trainerin Valentina Matviichuk mit ihren zwei Kindern und Athletin Arina Korotejeva - Oktober 2022 im Tissot Velodrome

Sie ist an diesem ersten Rennabend im Velodrome in Grenchen nur Zuschauerin, Arina Korotejeva. Die 18-jährige Ukrainerin laborierte nach einem Sturz mit dem Rad mit einer langwierigen Knieverletzung und befindet sich nach Wochen der Reha wieder im Training. Mit dem Rennrad ist sie am späten Nachmittag nach Grenchen gefahren, um ihre Kameradinnen und Kameraden anzufeuern.

«Der Physiotherapeut Jonas Spiess hat mir sehr viel geholfen, danke ihm bitte dafür», sagt die 18-Jährige, die auf ihrer Stufe eine starke Einzel-Zeitfahrerin ist. Kaum erstaunlich, dass sie die Schweizer Olympia-Zweite Marlen Reusser bewundert. Im Frühsommer durfte sie sogar einmal mit der 31-jährigen Ärztin aus Hindelbank trainieren. «Und schau, was sie mir gegeben hat», sagt sie übers ganze Gesicht strahlend, als sie in Magglingen zum Mittagessen kommt. «Sie hat mir einen Teil ihrer Rad-Teambekleidung gegeben.»

Arina stammt aus Charkiw, jener Stadt in der Ukraine, die besonders stark von den russischen Angriffen betroffen ist. «Mein Haus, ein 16-stöckiges Gebäude, wurde völlig zerstört, das gibt es nicht mehr», sagt sie mit ernstem, ja traurigem Gesicht. «Mein Grossvater lebt noch in Charkiw, ab und zu habe ich noch Kontakt mit ihm.» Einmal im Monat trifft sie auch ihre Eltern, die nach der Flucht aus ihrem Heimatland nun in Thun eine Bleibe gefunden haben.

Viele Möglichkeiten

Es sei manchmal ein Problem, dass sie so weit von ihrem Zuhause weg sei, sagt Arina. «Aber hier in Magglingen ist es sehr gut für mich. Wir haben viele gute Möglichkeiten zum Trainieren, können in den Kraftraum, in die Sauna und ins Hallenbad», so die Nachwuchs-Rennfahrerin. «Alle Leute sind nett zu uns, und das Essen ist auch sehr gut», fügt sie an. Auch in der Unterkunft im Grand Hotel fühlt sie sich wohl: «Wir sind zu viert in einem Zimmer, das ist überhaupt kein Problem, denn wir sind ein Team». Und auch die relativ grosse Hitze im Sommer hätte ihr unter dem Dach im 8. Stock nichts ausgemacht.

In der Ukraine hatte sie ein Sportwissenschafts-Studium begonnen. «Hier in der Schweiz möchte ich nun in Bern ein Physiotherapie-Studium in Angriff nehmen», sagt sie in gutem Englisch. Sie blickt vorwärts, im und neben dem Sport. Mittlerweile ist klar, dass die ukrainischen Athletinnen und Athleten sicher auch über Weihnachten und Neujahr in Magglingen sein werden. Wann und wie sie zurückgehen kann oder muss, ist offen. «Mein Trainer Andrey Dubinin ist in Charkiw.» Sie sagt es, und ihr Gesichtsausdruck wird wieder etwas nachdenklicher.

«Frau für alles»

Sie fällt auf am BASPO, die 42-jährige Trainerin Valentina Matviichuk, besonders, wenn sie mit ihren zwei Töchtern, Sofia (7) und Victoria (11) Richtung Restaurant Bellavista unterwegs ist. Die zwei Mädchen sind aufgedreht, necken sich oder bestürmen ihre Mutter, die rastlos scheint. Dasselbe Bild im Velodrome in Grenchen. Sie schaut zu Athletinnen und Athleten, nimmt Rennräder von den Ständern und kümmert sich daneben um ihre Töchter, die sich sichtlich wohl fühlen, herumtollen oder auf einer Gymnastik-Matte spielen. Valentina ist gleichsam die «Frau für alles». Sie stammt aus Lutsk, einer Stadt mit über 200'000 Einwohnern im Nordwesten der Ukraine. «Zuhause war ich als Regionaltrainerin tätig, hier habe ich nun 24 Athletinnen und Athleten und alle wollen etwas von mir», sagt sie mit einem Lächeln. Es scheint fast, also brauche sie die Hektik, vielleicht auch zum Vergessen, dass zuhause Krieg ist. Diesen «verarbeitet» sie auch auf ihrem Instagram-Konto, mit Bildern, aber auch dem Hashtag «stopwar».

Sofia und Victoria gehen in Evilard zur Schule und lernen Deutsch. «Sie bringen mir jeweils Prüfungsblätter nach Hause, die ich unterschreiben muss, obwohl ich ja kein Deutsch verstehe», sagt sie mit einem Lachen. Und wie fühlt sie sich in der Schweiz? «Hier gibt es mehr Regeln, in der Ukraine fühlte ich mich freier», sagt sie bestimmt, ohne aber zu klagen. «Als ich in der Ukraine war, träumte ich immer davon, einmal in die Schweiz zu reisen. Nun bin ich da, aber ich wollte nicht unter diesen Umständen, wegen des Krieges, hierhin kommen.»

Bundesamt für Sport BASPO

Kommunikation
Hauptstrasse 247
2532 Magglingen